Autorin sitzt deprimiert an ihrem Laptop.

Aus meiner Vergangenheit
Ich bin nicht kreativ

Meine Beziehung zum Schreiben begann alles andere als ideal.

Als Kind in der DDR hatte ich eine diagnostizierte Lese-Rechtschreibschwäche, Legasthenie. Meine Deutschlehrerin interessierte das null. Die gab mir wegen der ganzen Rechtschreibfehler auf alle Aufsätze und Diktate einfach immer eine 5. Das hat schwer an meinem Selbstbewusstsein genagt.

Nach einem besonders schönen Ferienerlebnis mit meinem Bruder, habe ich mir beim Aufsatz darüber dann außerordentlich Mühe gegeben: Ich habe zuerst die Geschichte ohne Gedanken an die Rechtschreibung aufgeschrieben. Und dann habe ich alles nochmal geschrieben, habe Wörter nachgeschlagen und mich ganz auf die Rechtschreibung konzentriert.

Auf den Aufsatz war ich richtig stolz. Und ich war voller Erwartung, wie sich eine Note jenseits der 5 anfühlen würde.

Doch dann: Note 5.

Meine Deutschlehrerin warf mir vor, dass ich den Aufsatz gar nicht selbst geschrieben hätte. Meine Mutter musste in die Schule kommen um zu bezeugen, dass das alles stimmt. Durch diese Intervention erhielt ich zumidnest noch eine 2.

Für mich bedeutete das aber, dass wenn mich jemand in den Jahren danach gefragt hätte, ob ich mir vorstellen könnte, Autor zu werden, ich der Person nur den Vogel gezeigt hätte. Nach der Schule machte ich eine Ausbildung zum Tischler und absolvierte ein Informatik-Studium.

Doch das war beides nicht meine Berufung. Mitte 20 ging ich an die Filmhochschule. Allerdings studierte ich dort Produktion – in meiner damaligen Wahrnehmung eine nichtkreative Beschäftigung.

Als „unkreativer Produzent“ wollte ich dann aber zumindest wissen, was die Autor*innen denn so lernen und machen. Und als es sich anbot, schwänzte ich Buchführung und ging in ein Seminar von Doris Dörrie.

Zu meinem Entsetzen mussten dort alle Teilnehmer*innen am Abend nach dem Seminar eigene Texte schreiben. Auch ich …

Meine Lese-Rechtschreibschwäche hatte sich zwar inzwischen „ausgewachsen“, doch das half nichts. Meine Deutschlehrerin hatte ganze Arbeit geleistet: „Ich bin nicht kreativ.“ Am ersten Abend brauchte ich drei Bier um mit dem Schreiben überhaupt zu beginnen.

Am nächsten Morgen lugte ich entsprechend misstrauisch auf meine Seiten.

Doch: waren diese Zeilen überhaupt von mir?

Ich war überrascht. Mein Text, den ich … selbst geschrieben hatte, … dieser Text war gut. Ha! Wer hätte das gedacht?!

Heute, als Professor für Kreatives Schreiben halte ich dann auch gerne her, wenn eine befreundete Logopädin beim Elternabend demonstrieren will, dass Legasthenie keine Diagnose für Misserfolg ist. Glaub an dich!

P. S.: Als ich meinen ersten Roman „3 1/2 Stunden“ fertig geschrieben hatte, habe ich das Manuskript ausgedruckt, bin damit nach Dresden gefahren und habe mich in den Hof meiner ehemaligen Schule gesetzt. Das habe ich gebraucht um diesen Bogen zu schließen.

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Robert Krause
Freier Drehbuchautor, Regisseur und Story-Consultant. Honorarprofessor für Drehbuch am Lehrstuhl Creative Writing bei Doris Dörrie an der Hochschule für Fernsehen und Film in München.
Storyboard von Benjamin Kniebe
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